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Häftlinge der Leuchtenburg 1724–1871

Häftlingsschicksale

Zwei Lebensgeschichten aus den Akten der Leuchtenburg: der Holzdieb Gottfried Steinbrücker und eine junge Frau, verurteilt wegen Kindsmord.

Holzdiebstahl

Eine Auswahl der in Sachsen-Altenburg straffällig Gewordenen ist auf der Leuchtenburg zu finden127. Deutlich wird dies am Beispiel des Holzdiebstahls, dem "zentrale(n) Massendelikt im 19. Jahrhundert"128. Holzdiebstahl wurde kaum mit Zuchthausstrafe belegt. Die Häftlingslisten enthalten wenige Delinquenten mit dieser Straftat. Jedoch auch für die Häftlinge der Leuchtenburg war der Holzdiebstahl kein unbekanntes Delikt. So berichtet der wiederholt wegen anderer Vergehen inhaftierte Gottfried Steinbrücker vulgo. Lenz (Häftlingsnummern 4188 und 4379, geb. 25.07.1838):

**Der von Steinbrücker selbst verfaßte Abriß seines Lebens. (1860)

**"Ich bin geboren in Kleineutersdorf, und zwar unehelich. Bald nach meiner Geburt erhielt ich die heilige Taufe und erhielt darin den Namen Gottfried. Meine Mutter, mit Namen Christiane Louise Steinbrücker, war eine arme Dienstmagd. Da nun dieselbe nach meiner Geburt nichts mehr verdienen konnte, so erbarmte sich meine Großmutter über dieselbe und nahm mich unentgeltlich in Pflege. Also verlebte ich meine erste Kindheit unter der Pflege einer betagten Wittwe, welche mir, obgleich unentgeltlich und aus lauter Barmherzigkeit, doch alle Liebe und Sorgfalt einer guten Mutter angedeihen ließ. Als mich dieselbe so groß gezogen hatte, daß ich anfing wahrzunehmen, was um mich her vorging, hatte ich bereits einen Bruder und eine Schwester, welche beide meine Mutter unehelich nach mir geboren hatte.

Nach mehreren Jahren war meine Mutter gezwungen, ihre drei Kinder, um welche sich dieselbe bis dahin nur wenig bekümmert hatte, selbst zu ernähren. Dies that sie durch Tagelohn und Handarbeit, namentlich aber durch Holzlesen im Walde und Verkauf des Leseholzes in der Stadt, wodurch sie aber so wenig verdiente, daß sie sich und ihren Kindern kaum den nothdürftigsten Unterhalt verschaffen konnte, und oftmals, wenn sie von anstrengender Arbeit ganz erschöpft war, oder wohl gar krank wurde, wären wir sicherlich vor Hunger und Elend umgekommen, wenn ich nicht als das älteste und größte ihrer Kinder meine Zuflucht zu den wohlhabenden Bauersleuten genommen und ein Stück Brot für Alle zusammen erbettelt hätte. Freilich erhielt ich nur allzuoft von den Reichen und Glücklichen, welche den harten Druck der Armuth nicht fühlen, oder nicht fühlen wollen, Schmäh- und Schimpfreden aller Art anstatt einer Gabe. Doch bei all der grenzenlosen Noth, mit welcher meine Mutter zu kämpfen hatte, hielt mich dieselbe doch gar frühzeitig und fleißig zur Schule an, und sie freute sich sehr, wenn sie das Schulgeld, welches sie allzeit gewissenhaft und pünktlich bezahlte, wie sie von meinem braven Lehrer hörte, nicht umsonst wegwürfe, sondern es angewendet an mir sah. In der That lernte ich nicht nur gut Lesen und Schreiben, sondern ich hatte auch ein gutes Gedächtnis und konnte in kurzer Zeit die größten und schwersten Aufgaben auswendig lernen und behalten. Daher hatte ich auch die Ehre, des braven Lehrers zweiter Schüler zu sein. **Waren die Schulstunden vorüber, so mußte ich, als ich kaum ein Reißigbündel tragen konnte, mit meiner Mutter in den Wald gehen, um ein Paar Pfennige verdienen zu helfen. Bei solchen Holzgängen ward nun freilich manchmal zu weit gegriffen und vom verbotenen Eigenthum Anderer genommen, um recht schnell wieder heim zu kommen, denn daheim waren meine kleineren Geschwister sich selbst überlassen. **

Natürlich konnte es nicht fehlen, daß ich sowohl, als meine Mutter in einen üblen Ruf kamen und oft über die Entwendung von Holz ertappt wurden, und gerade dieser üble Ruf, in den ich schon als Kind gerieth, ist mir in meinem späteren Leben zu einem Anstoß geworden und hat sonder Zweifel mit dazu beigetragen, daß ich mir einbildete, alle Menschen wären meine Feinde und haßten mich; ja ich wäre vielleicht nie in den Wahnsinn gerathen, die Menschen zu fliehen und hinaus in die Wildnis zu laufen, um denselben zu entgehen, wie ich es hernach getan habe. So ging es fort, bis die Zeit nahte, als ich konfirmirt werden sollte. Es geschah dies am Palmsonntag 1852. Der ehrwürdige Herr Pastor, welcher mich einsegnete, hatte mir einen herrlichen Bibelspruch als Wahlspruch für mein ganzes Leben vorgezeichnet, Ps. 9, B. 10 und 13.

'Und der Herr ist des Armen Schutz, ein Schutz in der Noth. Denn er gedenkt und fraget ihrem Blut, er vergißt nicht des Schreiens der Armen.'

Gewiß hatte derselbe diesen für einen Armen, wie ich einer war, so trostreichen Spruch nur meiner Armuth wegen gewählt und mich denselben lernen lassen; und ich war auch in der That an diesem Tage so arm, daß ich selber nicht Kleider hatte, sondern mir erst welche von wohlhabenden Leuten leihen mußte, um in der Kirche erscheinen zu können. Eben um dieselbe Zeit war es, als sich meine Mutter mit einem Schneidergesellen, welcher ein liederliches Leben führte, eingelassen und befreundet hatte. Von ihm gebar sie in der Folge noch zwei uneheliche Kinder.

Sie wurde nun meine Feindin, und ich entfloh ihr, da sie mich arg gemißhandelt hatte, weil ich ihr Verhältnis zu dem Schneider getadelt hatte. Bald verließ dieser sie und sie war zum fünften Mal schwanger, ohne einen Mann zu haben. Man denke sich das grenzenlose Elend, gegen welches alles vorhergehende nichts war, in dem sich nun meine Mutter samt ihren Kindern befand; man denke sich ihre Wuth und ihren Aerger, welches beides sie an Niemand anders abzukühlen wußte als an mir, und man wird zugeben, daß ich dieses Leben, mit welchem nur das Leben in der Hölle zu vergleichen sein kann, überdrüssig haben mußte und mich nach einem anderen sehnte und also hinaus lief in den Wald und die Flur, unter freiem Himmel schlief, mich die ersten Tage von Beeren und Obst nährte und, als dieses nicht mehr ausreichte, mich an verschiedenen Orten in die Höfe und Häuser der Bauern schlich, um mir Lebensmittel zu stehlen.

Dies war das erste Mal, daß ich mich von den Menschen entfernt hatte. Nicht lange hatte dieser Zustand gedauert, als ich eines Tages ergriffen und als Dieb in das Gefängnis eingesperrt wurde. Obgleich ich Alles, was man mir schuld gab, offen gestand, mußte ich doch ein halbes Jahr im Gefängnis bleiben und nach dieser Zeit kam ich noch 6 Monate zur Strafe nach Altenburg in das Landesgefängnis, welche ich auch daselbst verbüßt habe.

Nach meiner Rückkehr in die Heimat wurde ich erst recht verachtet und mir aller möglicher Schimpf angethan; das konnte ich nicht ertragen und entfloh daher zum zweiten Mal. Ich nährte mich, wie das vorige Mal, anfangs von Obst und als dies nicht mehr ging, fing ich an zu stehlen, wurde aber ergriffen und das Ende war, daß ich acht Monate auf das Arbeitshaus (Leuchtenburg d. Verf.) kam. Daselbst erlernte ich das Cigarrenmachen und es gelang mir nach überstandener Strafzeit als solcher mit Hilfe guter Menschen in Jena Arbeit zu bekommen, mußte dieselbe aber bald aufgeben, da meine Mitarbeiter von meinem früheren Leben und meinen Bestrafungen Kunde erhielten und deshalb nicht mit mir arbeiten wollten. Anstatt zu meiner Mutter zurückzukehren, lief ich wieder hinaus in die Wildnis und floh vor jedem Menschen, wie vor einem gefährlichen und reißenden Thiere. Da hab ich nun die Verbrechen begangen, welche ich nicht alle aufzuzählen weiß und welche den Zorn und das Strafgericht des gerechten und heiligen Gottes über mich leichtfertigen Sünder herabbeschworen haben. Ich lebte wohl an die drei Monate in dieser entsetzlichen Lage; die Menschen suchten mich, und ich, der von ihnen nur Böses zu erwarten hatte, floh dieselben gleich einem gescheuchten Reh. Ich stahl mir des Nachts Lebensmittel, trug sie hinaus in den Wald und versteckte sie; aber ehe ich michs versah, waren sie von denen, so nach mir suchten, aufgefunden worden, und um nicht zu verhungern, war ich genötigt, mir andere zu stehlen. Aus Herzensbosheit habe ich es nicht gethan, das weiß der allwissende Gott, an dem ich mich so sehr damit versündigt und dessen gerechtes Gericht ich wohl verdient habe. Nachdem mir die Menschen lange nachgestellt und ich allen ihren um mich veranstalteten Treiben entgangen war, wurde ich eines Tages ohne alle menschliche Klugheit und List, einzig und allein durch Gottes Willen, welcher sprach: bis hierher und nicht weiter! in die Hände der weltlichen Obrigkeit geliefert. Eines Tages, als ich im Walde war und nicht weit vom Wege hinterm Gebüsch stand und den Weg weithin übersehen konnte, kam ein Mann, welchen ich schon von ferne sah, daher, und ich, obwohl ich mich nur umzudrehen brauchte, um im Dickicht zu verschwinden, so daß mich derselbe nicht einmal zu sehen bekommen hätte, stand fest, wie angewurzelt; es ging Etwas in mir und neben mir vor, das ich selber nicht begreifen kann; nur soviel begreife ich, daß es Gott war, der gewiß seine Engel gesandt hatte, die um mich her standen, um meinem weiteren Verderben Einhalt zu thun. Der Mann kam näher, sah mich und wunderte sich nicht wenig, daß ich stehen blieb. Der nahm mich mit sich und überlieferte mich den Händen der strafenden Gerechtigkeit. Zu achtjähriger Zuchthausstrafe wurde ich auf Grund meiner Verbrechen verurteilt und bald darauf in das Leuchtenburgische Zuchthaus gebracht; an meinem neunzehnten Geburtstage wurde ich in Fesseln geschlagen, von denen mich nur nach neun Monaten eine böse Krankheit, welche der Arzt für tödlich hielt, befreite. Wohl wäre ich gern gestorben, aber ich ward nach etlichen Monaten schwerer Leiden wieder gesund; doch kaum war ein Jahr verflossen, so kam eine andere Krankheit über mich, welche neun Monate anhielt, wobei Niemand meinte, daß ich dieselbe überstehen würde. Doch der allweise Gott half mir mittelst der treuen Fürsorge guter Menschen auch diesmal und errettete mich vom Tode."129

Der Tod einer Kindesmörderin

Kindesmord war eine der Straftaten, die fast ausschließlich von Frauen begangen wurden130.

Für junge Männer galt es als Männlichkeitsbeweis Alkohol- und Frauenexzessen gefrönt zu haben. Frauen jedoch kriminalisierte die Doppelmoral des 18./19. Jahrhunderts, sobald sie sich mit einem Mann vorehelich verbanden. Das uneheliche "Ergebnis" einer solchen Beziehung wurde der Frau zur Last gelegt. Junge Frauen, die unehelich schwanger wurden, stieß die Gesellschaft aus. Moralisch verurteilt und wirtschaftlich meist nicht in der Lage ein Kind allein aufzuziehen, versuchten einige Frauen durch den Kindesmord der Stigmatisierung und einer ausweglosen Zukunft zu entgehen.

"Wie auch im Zuchthause erhebende Scenen stattfinden, wie auch Verbrecher würdig und selig sterben können, möge nachstehende kurze Skizze zeigen.

M.S., ein noch sehr junges, ungewöhnlich hübsches Mädchen gerieth wegen verheimlichter Schwangerschaft und Tödtung ihres neugeborenen Kindes in Kriminaluntersuchung, wurde dieser Verbrechen überführt und wegen derselben zu mehrjähriger Zuchthausstrafe verurtheilt.

Schon während ihrer langen Untersuchungshaft erkrankte sie an der Auszehrung (Tuberkulose der Verf.) und diese nahm einen so rapiden Verlauf, daß ihr Leben bei ihrer Ueberführung ins Leuchtenburger Zuchthaus zur Strafverbüßung nur noch nach Wochen zählen konnte. Die Uebersiedlung aus dem Kriminalgefängnis auf die Leuchtenburg mußte deshalb bei ihrer großen Schwäche in Betten geschehen und wurden ihr diese, in Berücksichtigung ihres Zustandes, belassen; eine um so größere Ausnahme und Vergünstigung, da im Allgemeinen selbst Todkranke sich mit ihrer Strohmatratze und ihren wollenen Decken begnügen mußten. Von den Anstrengungen der Reise sehr angegriffen, lag sie in den ersten Tagen fast stets in ohnmächtigem Halbschlummer, erholte sich aber bald so weit, daß sie an ihrer Umgebung Interesse nahm und sich unterhalten konnte. Mit Rücksicht auf ihren Zustand und auf ihr in sicherer Aussicht stehendes baldiges Abscheiden wurde das Verbrechen, das sie ins Zuchthaus geführt, nur mit Vorsicht berührt; sie sprach aber selbst davon und äußerte wiederholt, wie Gott ihr dasselbe nicht zu schwer anrechnen werde, weil sie lediglich aus Angst und Scham ihren Zustand verheimlicht und die Tödtung in einem unzurechnungsfähigem Zustande begangen habe, auch herzliche Reue darüber empfinde. Es wurde ihr natürlich alle mögliche Pflege zu Theil und sie gab dafür bei jeder Gelegenheit ihre Dankbarkeit zu erkennen, wie sie denn überhaupt durch ihr stilles sanftes Wesen, durch ihre Geduld, durch ihre Ergebung in ihre Strafe und ihr Leiden und durch die freudige Ruhe, mit der sie den nahen Tode mit vollem Bewußtsein entgegensah, bald die Liebe ihrer Vorgesetzten und aller derer gewann, die mit ihr in Berührung kamen. Wie bei Schwindsüchtigen oft der Fall, verklärte sich ihr Gesicht, je näher das Ende heranrückte, immer mehr; dasselbe zeigte keine Spur von Leiden oder Krankheit und die durchsichtige Klarheit der Haut, die Röthe der Wangen, der überirdische Glanz der Augen machten einen rührenden Eindruck. Der Hausordnung gemäß wurde Morgens und Abends auch von den weiblichen Gefangenen nach dem Morgen- und Abendgebet jedesmal ein Gesangbuchvers gesungen, welcher Gesang keineswegs etwa unharmonisch war, da die Weiber wöchentlich eine eigene Singstunde hatten und durch die Uebung bei den täglichen Andachten und in der Kirche sehr viele Melodien singen gelernt hatten. Die Kranke, welche durch die auf ihre Bitte geöffnete Thür der Krankenstube den Gesang hören konnte, wurde durch denselben jedesmal tief ergriffen und folgte demselben thränenden Auges mit gespannter Aufmerksamkeit. Als sie ihr Ende herannahen fühlte, bat sie mit schwacher Stimme um die Gunst, daß die Weiber ihr noch einige von ihr bezeichnete Gesänge vorsingen möchten, und als sich dieselben, in Gewährung dieser Bitte, geräuschlos auf dem vor der Krankenstube befindlichen Korridor aufstellten und hier, mit gedämpfter Stimme, oft von Schluchzen unterbrochen, die erbetenen Gesangsverse anstimmten, da blieb wohl kein Auge trocken und auch den Augen der Sterbenden entquollen stille Thränen, zugleich aber erglänzte ihr Antlitz in himmlischem Frieden und mit gefalteten Händen flüsterte sie die Worte des Liedes nach. Allmälig fielen ihr die Augen zu und als die Anwesenden glaubten, sie sei eingeschlummert, da war sie unbemerkt bei den letzten Worten des Gesanges ins Jenseits hinübergeschlummert und ihre irdische Hülle lag da gleich einer Schlafenden; - dieselbe wurde Tags darauf in die Anatomie nach Jena geschafft."131

Fußnoten

  1. "Von der Gendamerie des Landes wurden vom 1. Juli 1863 bis dahin 1864 1117 Criminalverbrechen und 2337 Polizeivergehen zur Anzeige gebracht und 758 Bettler und Vagabunden aufgegriffen." in: Herzogl. Sachsen=Altenburgischer vaterländischer Geschichts= und Hauskalender auf das Jahr 1865. Zwei und dreißigster Jahrgang nach verbesserter Einrichtung. Zu erhalten in der Hofbuchdruckerei zu Altenburg, S. 40, Archiv des Heimatmuseums Leuchtenburg 1287.

    ↩
  2. Dirk Blasius, Kriminalität und Alltag. Zur Konfliktgeschichte des Alltagslebens im 19. Jahrhundert, Göttingen 1978, S. 16; (Blasius, Kriminalität, S.).

    ↩
  3. Elvers, Erinnerungen aus dem Züchtlingsleben in der ehemaligen Strafanstalt Leuchtenburg. 5. Gottfried Steinbrücker vulgo Lenz in: Altenburger Zeitung für Stadt und Land, Nr. 283, 02. Dezember 1877, Thüringisches Staatsarchiv Altenburg.

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  4. Unter den 29 wegen Kindesmord auf der Leuchtenburg Inhaftierten befanden sich gerade zwei Männer. Vgl. Datenbank der Häftlingslisten.

    ↩
  5. Elvers, Erinnerungen aus dem Züchtlingsleben in der ehemaligen Strafanstalt Leuchtenburg. 4. Der Tod einer Kindesmörderin in: Altenburger Zeitung für Stadt und Land, Nr. 277, 25. November 1877, Thüringisches Staatsarchiv Altenburg.

    ↩