Zum Inhalt springen

Die Leuchtenburger Anstalten 1724–1871

1.2 Anstaltsgeschichte

Einen stark theoretisch orientierten Ansatz macht Foucault mit "Überwachen und Strafen" für die Kriminalitätsforschung verfüg-

bar29. Die Darstellungsweise Foucaults entspricht nicht der von Wehler geforderten "Diskussionsrationalität"30. Die zentralen Aussagen müssen teilweise mühsam aus wohlklingender Prosa geschält werden. Foucault entwickelt aus seiner speziellen Machtdefinition31 das Bild eines "Kerker-Archipel(s) ... (der) diese Technik (Disziplinierung d. Verf.) vom Justizapparat auf den gesamten Gesellschaftskörper"32 überträgt. Die Macht ist die zentrale Kategorie, von der aus erklärt wird. Die überzeichnete zugrunde liegende These des Disziplinarindividuums entwertet die Arbeit, besonders für die Auswertung meiner Quellen. "In dieser zentralen und zentralisierten Humanität, die Effekt und Instrument komplexer Machtbeziehungen ist, sind Körper und Kräfte durch vielfältige `Einkerkerungs´-Anlagen unterworfen und für Diskurse objektiviert, die selber Elemente der Strategie sind. In dieser Humanität ist das Donnerrollen der Schlacht nicht zu überhören."33 Sicher führten zeitgeschichtliche und individuelle Beweggründe zu dieser Überzeichnung34. Der von Foucault gewählte Untersuchungszeitraum deckt sich weitgehend mit dem meiner Arbeit. Dies würde das vergleichende Heranziehen der Ergebnisse Foucaults empfehlen. Eine lebensweltliche Rekonstruktion des Körpers des Delinquenten ist in Foucaultschen Termini möglich durch die Rekonstruktion der diesen Körper konstituierenden Macht. Einen interessanten Gegenstand führt Foucault damit in die historische Forschung ein. Der Machtbegriff ist amorph, weit und erscheint mir für die historische Analyse eher unhandlich. Die Erklärung der Gesellschaft aus einer zentralen Kategorie heraus mag philosophisch ein produktiver Ansatz sein.

Für die historische Forschung stellt sich, mit der Erklärung aus einer zentralen Kategorie heraus, die Gefahr unzulässiger Verkürzungen historischer Lebensumstände. Die sich aus der Delinquenz abzeichnenden vertikalen und horizontalen Spannungen sind mit der Vorstellung von einem alles umschließenden und durchdringenden "Kerker-Archipels" sicher nur sehr begrenzt zu fassen und nur innerhalb des speziellen Begriffsapparates nachvollziehbar. Die Komplexität der Geschichte wird ausgeblendet.

Das Nebeneinanderstehen von Wirtschafts-, Politik-, Sozial-, und Kulturgeschichte in der Gesellschaftsgeschichte vermag es dagegen besser, der Quelle angemessener, sich dem zu verstehenden historischen Fall jeweils entsprechend angepaßt zu nähern.

Die Arbeit geht von den in den Anstalten lebenden Häftlingen aus. Nicht der Alltag in den Anstalten interessiert, sondern die Gesellschaft, die diese Menschen als kriminell definierte. Der Geschichte der Anstalten35 wird auf Grund dessen in der Arbeit nur insoweit nachgegangen, wie dies für das Verständnis der Lebenswelten der Häftlinge notwendig erscheint. Andere Anstaltsgeschichten gehen von den Intentionen der Gründer der Anstalten aus. Auf diese Weise ist es möglich, ein pointiertes theoretisches Profil einer Anstalt bzw. eines Anstaltstypes herauszuarbeiten36. Die Differenz zwischen den theoretisch fixierten Anstaltstypen und der Wirklichkeit wird schnell deutlich, wenn man fragt, wer und warum in die jeweilige Anstalt eingewiesen wurde. Die Zuchthäuser wurden in der Regel zunächst gegründet, um Gassenbetteln und liederlichen Lebenswandel abzuschaffen. Neben der Gruppe der Vaganten, Bettler, Trinker, Arbeitslosen und Prostituierten wies man jedoch meist auch Häftlinge mit anderen Delikten (z.B.: Diebstahl, Kindesmord, Widerstand gegen die Obrigkeit) oder gar Irre in die Zuchthäuser ein. In der Arbeit wird gefragt, ob Unterschiede in der sozialen Zusammensetzung der Häftlinge in den einzelnen Anstalten nachzuweisen sind. Die statistisch herausgearbeiteten Unterschiede werden mit den Intentionen, die andere Studien für vergleichbare Anstalten nachgewiesen haben, verglichen.

Ayaß untersucht die Insassen des Arbeitshauses Breitenau. Er wertete die Einweisungslisten statistisch aus37. Leider ist sein Untersuchungszeitraum nicht mit dem dieser Arbeit identisch. Die ähnliche methodische Herangehensweise hätte den Vergleich der Ergebnisse nahegelegt. Die in der Arbeit aufgezeigten Entwicklungslinien des Umgangs mit Delinquenz und Randgruppen werden auf Grund des begrenzten Raumes der Arbeit, nicht durch das Hinzuziehen der Ergebnisse von Ayaß bis in das Jahr 1949 hinein verlängert. Andere vergleichbare statistisch arbeitenden Studien38 existieren meines Wissens nach für den Untersuchungszeitraum bisher nicht39.

Dem Ansatz der vorliegenden Arbeit kommt die Untersuchung Mayers nahe. Mayer beschreibt die Insassen der St.Gallener Anstalten. Seine Quellenbasis ist jedoch eine andere40.

Aus Pfrundbüchern, Protokollen des Kleinen und Großen Rates, Steuerlisten etc. trug der Autor Daten über die 2158 Anstaltsinsassen der Stadt St.Gallen für den Zeitraum von 1750 bis 1798, in einem sicher sehr arbeitsaufwendigen und vielversprechenden41 Verfahren, zusammen42. Das Heiliggeist-Spital, die Prestenhäuser und das Fremdenspital verzeichneten die größte Anzahl der Insassen. Im Zucht- und Waisenhaus waren nur 23,3%43 der untersuchten Personen interniert. Ein Teil der Häftlinge des Zucht- und Waisenhauses nutzte das Zuchthaus als freiwilliges Arbeitshaus. Freiwillige Eintritte in die Leuchtenburger Anstalten sind nicht nachweisbar. Ein Waisenhaus existierte auf der Leuchtenburg nicht. Ein Vergleich der Insassen der St.Galler Anstalten mit denen auf der Leuchtenburg zeigt die Ähnlichkeiten im Umgang mit den Randgruppen der Gesellschaft durch das Ancien Régime. Auch die Unterschiede zwischen dem ländlich geprägten Sachsen Altenburg und dem Stadtstaat St.Gallen44 werden deutlich. Die Arbeit konzentriert sich auf die Leuchtenburger Häftlinge.

Die Quellenbasis der anderen Monographien einzelner Anstalten bzw. zusammenfassender Darstellungen des Anstaltswesens45 sind nicht die statistische Aufbereitung der Verzeichnisse der Insassen, sondern es sind andere Akten der Verwaltung. Ergebnisse der Studie Mayers bzw. anderer Zuchthausmonographien fließen in der Auswertung nur partiell für notwendige Vergleiche mit ein.

Bereits Zeitgenossen beschrieben den Alltag in den Zuchthäusern und die zur Gründung der Anstalten führenden Intentionen. Wagnitz versteht seine Monographien über die deutschen Zuchthäuser46 als Ergänzung und Erweiterung zu den Untersuchungen Howards47.

Wagnitz ist ein genauer Beobachter, der die beschriebenen Zuchthäuser meist auch in Augenschein genommen hat. Er beschreibt zum Teil äußerst plastisch die Haftbedingungen48 in den einzelnen Zuchthäusern. Der Autor war Zuchthausdirektor in Halle und versuchte mit seinen Schriften die Zustände in den Gefängnissen zu verbessern und dies ganz im aufklärerischen Geist49 des 18. Jahrhunderts. Leider fehlt ein Bericht über die Leuchtenburg. Er nennt die Leuchtenburg nur einmal direkt: "Freylich giebt es demohnerachtet noch manche Anstalten, von denen wir gar keine Nachrichten haben, wie z.B. von der Oldenburg zu Gera, auf der Leuchtenburg u.a."50. Wagnitz meint, daß die Zustände in den sächsischen Anstalten Waldheim, Torgau, Zwickau und Leipzig vorbildlich seien. "So schickte z.B. der Herzog von Gotha 1721 eigene Deputirte nach Waldheim, um das Institut und die Einrichtungen desselben genau kennen zu lernen, damit man sie bey Anlegung einer ähnlichen Anstalt im Fürstenthum Altenburg desto glücklicher nachahmen könnte."51 Zwischen 1720-172452 erfolgte der Umbau der Leuchtenburg zum Zuchthaus. Das Zuchthaus in Waldheim scheint somit eines der unmittelbaren Vorbilder für die Leuchtenburger Anstalt zu sein.

Zunächst war es die Bekämpfung alles liederlichen, ledigen Bettelgesindes und deren Besserung durch die Unterweisung in einem guten Handwerk53, wie es in dem kurfürstlichen Edikt zum Spandowischen Zucht- und Spinnhaus formuliert wird. "Aspekte der armenpolizeilichen Bettelbekämpfung wie der merkantilistischen Wirtschaftsförderung stehen bei den frühen preußischen Zuchthausgründungen im Vordergrund"54.

Die Doppelstrategie, "durch Anhaltung zur Arbeit abschreckend und bessernd zugleich zu wirken",55 ist nicht nur für die erste Gründung eines Zuchthauses (Bridewell, 1555) nachzuweisen, sondern ist beispielgebend für die späteren Amsterdamer Anstalten wie auch die in den protestantischen deutschen Territorien und dem katholischen Habsburgerreich56. "Gleichermassen besteht eine gute Zucht der Unterthanen darinn, daß keine Trunkenbolde, (n) keine Zänker, keine Müßiggänger (o) und keine Bettler, (p) geduldet; sondern jene mittelst ernstlicher Strafe zur Besserung gebracht, diese aber in dem Werk= und Zucht=Hause zur Arbeit angehalten werden."57

In einem zeitgenössischen Geschichtsbuch wird ein weiterer Beweggrund für die Einrichtung von Zuchthäusern deutlich: "Gleichwichtig und für den Urheber ungemein rühmlich war das Rescript von Abschaffung der Tortur, das zu Ende des Jahres 1771. an die chursächsischen Dicasterien erlassen wurde. Und weil dadurch in vielen Fällen, statt der bisher üblichen Tortur und Landesverweisung, die Erkenntnis auf Zuchthaus= oder Festungsbaustrafe anbefohlen worden: so beschloß der Churfürst, auf Ansuchen der Landstände, neben den bisherigen Landesanstalten zu Waldheim und Torgau einige neue Zucht= und Arbeitshäuser anzulegen, worin zugleich unnütze Bettler und Landstreicher verwahrt und ernährt werden sollten."58 Das Schloßgebäude in Torgau wurde zu einem Zucht- und Arbeitshaus 1772 ausgebaut und 1776 folgte das Zwickauer Schloß.

Die Intention, durch Arbeit in einem Zuchthaus abschreckend und bessernd zugleich zu wirken, lag sicher auch der Gründung der Leuchtenburger Anstalt zugrunde59. Die Delikte, die hauptsächlich zur Einweisung führten, belegen diese Absicht. Soziale Straftaten führten vor 1800 überwiegend zu einer Einweisung in die Leuchtenburger Anstalten. Zunächst wurden vorrangig Bettler und Vagabunden in das Leuchtenburger Zuchthaus eingewiesen, die bestraft und durch die Arbeit im Zuchthaus gebessert werden sollten. Ähnliches gilt sicher für Diebstähle, die im 18. Jahrhundert teilweise noch peinlich verfolgt wurden60. Eine Einweisung in ein Zuchthaus war dann nur noch auf dem Weg der Gnade des Landesherren möglich. Nach 1800 setzte sich als Bestrafung für Diebstähle eine Einweisung in ein Zucht- oder Arbeitshaus durch.

Fußnoten

  1. Michel Foucault, Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses, Frankfurt am Main 199210; (Foucault, Überwachen, S.). Eine kurze unkritische Zusammenfassung des von Foucault mit "Überwachen und Strafen" geleisteten Beitrags in: Stekl, Österreichs, S. 14f.

    ↩
  2. Wehler, 1700 - 1815, S. 4.

    ↩
  3. Foucault, Überwachen, S. 40, S. 42 u.a.. Michel Foucault, Mikrophysik der Macht. Über Strafjustiz und Psychiatrie und Medizin, Berlin 1976, S. 123. Vgl. hierzu auch: Steven Lukes, Macht und Herrschaft bei Weber, Marx, Foucault in: Joachim Matthes (hrsg. im Auftrag der Deutschen Gesellschaft für Soziologie), Krise der Arbeitsgesellschaft. Verhandlungen des 21. Deutschen Soziologentages in Bamberg 1982, Frankfur am Main New York 1983, S.106ff.

    ↩
  4. Foucault, Überwachen, S. 385f..

    ↩
  5. Foucault, Überwachen, S. 397.

    ↩
  6. 1975 erschien die französische Orginalausgabe. Vgl. auch die informierte biographisch orientierte Darstellung der Thesen in: Hubert L. Dreyfus, Paul Rabinow, Michel Foucault: Jenseits von Strukturalismus und Hermeneutik, Frankfurt am Main 1987.

    ↩
  7. Die Arbeiten über Strafanstalten sind in der Literaturliste fett hervorgehoben.

    ↩
  8. Marlene Sothmann, Das Armen-, Arbeits-, Zucht- und Werkhaus in Nürnberg bis 1806 in: Gerhard Hirschmann, Hanns Hubert Hofmann, Gerhard Pfeiffer (Hrsg.), Nürnberger Werkstücke zur Stadt- und Landesgeschichte. Schriftenreihe des Stadtarchivs Nürnberg, Nürnberg 1970; (Sothmann, Nürnberg, S.). Bewertungen sind eher älteren Forschungsansätzen zuzuordnen (vgl. die Verwendung des Begriffs Asoziale für Bettler Sothmann, Nürnberg, S. 128). Mitteilungen über einzelne Häftlinge scheinen eher zufällig den untersuchten Akten entnommen.

    ↩
  9. Wolfgang Ayaß, Das Arbeitshaus Breitenau. Bettler. Landstreicher. Prostituierte. Zuhälter und Fürsorgeempfänger in der Korrektions- und Landarmenanstalt Breitenau 1874-1949, Kassel 1992; (Ayaß, Breitenau,S.).

    ↩
  10. Bis auf die bisher noch nicht fertiggestellten Untersuchungen in Dublin und London.

    ↩
  11. Einer CD-Rom Recherche in der Staatsbibliothek (Auswertung der verschiedenen nationalen und internationalen Bibliothekskataloge, Zeitschriften- und Dissertationsverzeichnisse) sowie einigen Internetrecherchen gelang es nicht, weitere vergleichbar statistisch arbeitende Studien aufzufinden. Einige mir bisher unbekannte Monographien, vorallem zur Zuchthausgeschichte, konnten jedoch auf diese Weise für meine Arbeit erschlossen werden.

    ↩
  12. Marcel Mayer, Hilfsbedürftige und Delinquenten. Die Anstaltsinsassen der Stadt St.Gallen 1750-1798 in: Staatsarchiv und Stiftsarchiv St.Gallen (Hrsg.), St.Galler Kultur und Geschichte, Bd. 17, St.Gallen 1987; (Mayer, St.Gallen, S.).

    ↩
  13. Die Personendaten wurden durch unterschiedliche Quellengruppen zusammengetragen und nachgeprüft. vgl. Mayer, St.Gallen, S. 25ff.

    ↩
  14. Mayer, St.Gallen, S. 25-41.

    ↩
  15. Mayer, St.Gallen, S.73.

    ↩
  16. vgl. Mayer, St.Gallen, S. 11ff.

    ↩
  17. In der Literaturliste sind die Anstaltsgeschichten fett hervorgehoben.

    ↩
  18. Heinrich Balthasar Wagnitz, Historische Nachrichten und Bemerkungen über die merkwürdigsten Zuchthäuser in Deutschland, 2 Bde. in 3 Tln., Halle 1791-1794; (Wagnitz, Zuchthäuser, Bd. Tln., S.). Heinrich Balthasar Wagnitz, Ideen und Pläne zur Verbesserung der Polizey- und Criminalanstalten. Dem neunzehnten Jahrhundert zur Vollendung übergeben, 3 Bde. Halle 1801-1803; (Wagnitz, Ideen, Bd., S.).

    ↩
  19. John Howard, The state of the Prisons in England and Wales. with preliminary observations. and an account of some Foreign Prisons and Hospitals, Warrington 1777. (Howard, Prisons, S.). William Howard (offensichtlich eine Verwechselung des Namens durch den deutschen Herausgeber, d. Verf.), Über Gefängnisse und Zuchthäuser. Ein Auszug aus dem Englischen. Mit Zusätzen und Anmerkungen und Kupfern versehen von Gottl. Ludolf Wilhelm Köster, Leipzig 1780. (Howard, Gefängnisse, S.). John Howard, John Howards Nachrichten von den vorzüglichsten Krankenhäusern und Pesthäusern in Europa. Nebst einigen Beobachtungen über die Pest und fortgesetzten Bemerkungen über Gefängnisse und Krankenhäuser. Aus dem Englischen. Mit Zusätzen des deutschen Herausgebers Christian Friedrich Ludwig. welche besonders die Krankenhäuser angehen. Mit Kupfern und Tabellen, Leipzig 1791. (Howard, Krankenhäuser, S.). In diesen Bänden fanden sich keine Hinweise auf das Leuchtenburger Zuchthaus, auch sind die Kapitel über die deutschen Zuchthäuser nicht sehr umfangreich und werden in den unterschiedlichen Bänden nur wiederholt.

    ↩
  20. Beispielsweise die des Zuchthauses Magdeburg vor 1790, danach sind die Zustände in der Anstalt reformiert worden: "Eine äußerst schmutzige Treppe führte mich zu dem Behälter der Züchtlinge. Schon auf dem Vorsaal dachte ich mich in das alte Spinnhaus zu Amsterdam versetzt, von dem Zesen sagt: 'So bald man die Treppe hinaufgestiegen und vor das Gitter gelangt, um die liederlichen Mätzen zu sehen, kommt einem ein solcher eckelhaftiger, dumpfigter Qualm entgegen, daß man die Nase zuhalten muß u.s.w.' - Ein einziges Zimmer fast die Gefangenen, alte und junge, männlichen und weiblichen Geschlechts, 48 an der Zahl, in sich. Hier spannen sie Wolle, hier aßen sie, hier schliefen sie auch zum Theil, wenigstens die des 2ten Geschlechts, auf halb vermoderten Stroh, hier verrichteten sie ihre Nothdurft. Ein unerträglicher Gestank hatt sich durch das ganze Gemach verbreitet, der Fußboden war mit Schmutz überzogen, die Wände schwarz und fürchterlich. Ich konnte es hier nicht lange aushalten. Noch trauriger waren die Behälter, wo die Mannspersonen auf einem feuchten Erdboden die Nächte durchschliefen oder vielmehr durchwachten, denn das Ungeziefer, das unzählbar war, verstattete ihnen nicht zu schlafen. Um es zu vertilgen, goß man öfters im Sommer so viel Wasser hinein, daß dieses 8 Zoll über der Erde stand; und doch wurde es nicht vertilgt! hier blieben auch die Unglücklichen gemeiniglich, wenn sie erkrankten - und das Erkranken war häufig - und mußten denn freylich oft genug den Tod als Wohltat ansehen lernen. Sie riefen ihn auch wohl gewaltsam herbey. Lebens- Ueberdruß und Verzweiflung zwangen sie dazu, besonders da dieser Behandlungsart die bey Vergehungen verhängten Züchtigungen ganz entsprachen, und diese weder selten, noch menschlich waren. 'Das was itzt geschieht,' sagte der damals daseyende Hausvater, 'ist nichts gegen das, was sonst geschah. Ich bin mitleidig, aber mein Vorfahr - da hatte sich fast jede Woche (freylich etwas übertrieben!) einer gehengt, um der Peitsche, wo die Hiebe hundertweise fielen, zu entgehen!' - Aber, wie ich schon oben sagte, so wars fast auf allen Zuchthäusern in den ersten zwey Drittheilen dieses Jahrhunderts, und mag wohl auf manchen - noch so seyn!" zit. nach: Wagnitz, Zuchthäuser, Bd. 2 Tln.1, S. 196f.

    ↩
  21. Immanuel Kant, Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? in: (Hrsg.) Ehrhard Bahr, Kant. Ehrhard. Hamann. Herder. Lessing. Mendelssohn. Riem. Schiller. Wieland. Was ist Aufklärung? Thesen und Definitionen, Stuttgart 1974, S. 8-17. Roy Porter, Kleine Geschichte der Aufklärung, Berlin 1991.

    ↩
  22. Wagnitz, Zuchthäuser, Bd. 2 Tln.2, S. II.

    ↩
  23. Wagnitz, Zuchthäuser, Bd. 1 S. 226.

    ↩
  24. Kurt Haufschild, Museum Leuchtenburg, Seitenroda 1991, S. 3.

    ↩
  25. vgl.: Sachße, Tennstedt, Armenfürsorge, S. 159.

    ↩
  26. Sachße, Tennstedt, Armenfürsorge, S. 115.

    ↩
  27. Stekl, Österreichs, S. 54.

    ↩
  28. vgl. Stekl, Österreichs, S. 55.

    ↩
  29. J.F.B.D. Unvorgreifliche Gedanken von der Einrichtung eines Policey = Collegii. mit unverfälschter Farbe entworfen. Frankfurth Leipzig 1748, S.53f., Archiv des Heimatmuseums Leuchtenburg 835 V 10.

    ↩
  30. Heinrich Christoph Gottlob, Sächsische Geschichte, 2. Teil, Leipzig 1780, S. 437, Archiv des Heimatmuseums Leuchtenburg 931 I C 12.

    ↩
  31. Ein Edikt, das die Gründung des Leuchtenburger Zuchthauses verfügt, könnte in den noch nicht bearbeiteten Akten des Altenburger Staatsarchivs vorhanden sein.

    ↩
  32. vgl. Hinrichtungen in Frankfurt, Nürnberg, Würzburg in: Richard van Dülmen, Theater des Schreckens. Gerichtspraxis und Strafrituale in der frühen Neuzeit, München 1985, S. 187ff.; (Dülmen, Theater, S.).

    ↩