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Die Leuchtenburger Anstalten 1724–1871

4.2 Häftlinge

Kreisdiagramm: Geschlecht der Häftlinge – Männer 76,3 %, Frauen 23,7 %.
Geschlecht der Häftlinge

1

Eingangs ist die Gefangenenpopulation zu beschreiben. Gut zwei Drittel der Insassen der Leuchtenburger Strafanstalt sind Männer. Auch die Insassen anderer Strafanstalten sind überwiegend Männer2. Auch aktuelle Zahlen belegen bei Männern ein häufigeres kriminelles Handeln als bei Frauen3. Junge Männer sind heute besonders anfällig für Kriminalität.

Innerhalb der Gruppe der Delinquenten der Leuchtenburg sind Frauen zwischen 20 und 30 Jahren relativ stärker vertreten4. Männer saßen auf der Leuchtenburg überwiegend auf Grund von Diebstahlsdelikten ein5.

Die Altersverteilung zwischen 1724 - 1871 zeigt, daß ein Drittel der Delinquenten zwischen 21 und 30 Jahren alt ist. Das ergibt sich auch aus einem höheren Anteil der jungen Bevölkerung an der Gesamtbevölkerung in dieser Zeit. Die klassische Bevölkerungspyramide des ausgehenden 19. Jahrhunderts ist für den Untersuchungszeitraum teilweise deformiert. "Als Ergebnis von Bevölkerungskrisen und Kompensationseffekten ... ist ... ein unregelmäßiger, von Lücken und Ausbuchtungen geprägter Altersaufbau"6 zu erwarten. Der lange Untersuchungszeitraum läßt es jedoch in diesem Fall zu, die Schwankungen zu vernachlässigen. Die Altersverteilung der Gesamtbevölkerung in Verbindung mit der größeren kriminellen Anfälligkeit junger Männer und den harten Disziplinierungsmaßnahmen des Staates gegenüber jungen Frauen7 erklärt den großen Umfang der jungen Häftlingsgruppe.

Daß 13,5% der Häftlinge über fünfzig Jahre alt sind, widerspricht dem Aufbau der Alterspyramide gravierend. Diese Besonderheit in der Altersverteilung der Häftlinge kann unter anderem mit den fehlenden sozialen Sicherungssystemen erklärt werden und "der 'normalen' Altersverarmung der Arbeiter"8. Zucht- und Arbeitshäuser werden zu Versorgungseinrichtungen für mittellose alte Menschen.

Balkendiagramm, Altersstruktur der Häftlinge in Prozent: am häufigsten 21–25 und 26–30 Jahre (je etwa 16 bis 17 %), 31–35 und über 51 Jahre je etwa 14 %, 36–40 etwa 13 %, 16–20 etwa 10 %, 41–45 etwa 9 %, 46–50 etwa 8 %, bis 15 Jahre unter 2 %.
Altersstruktur der Häftlinge

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Im Zeitraum vor 1800 sind die über 51 jährigen die größte Häftlingsgruppe.

Balkendiagramm, Altersstruktur vor 1800 in Prozent: über 51 Jahre am häufigsten (etwa 16 %), 36–40 und 21–25 je etwa 14 %, 16–20, 26–30 und 31–35 je etwa 12 %, 41–45 etwa 9 %, 46–50 etwa 8 %, bis 15 Jahre etwa 3 %.
Altersstruktur der Häftlinge vor 1800

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Armut, Obdachlosigkeit, Betteln, Arbeitslosigkeit kriminalisierte die ständische Gesellschaft. Die bürgerliche Gesellschaft kriminalisiert nicht von vornherein die außerhalb der alten Ständepyramide existierenden Gruppen. Der Wertewandel um 1800 ist somit verantwortlich, daß nach 1800 weniger alte Menschen in Strafanstalten eingewiesen werden. Liberale Grundsätze sind eine Richtschnur der Reformen nach 1800. Mit der Entwicklung der kommunalen11 und offenen Armenpflege12 verlieren die Zucht- und Arbeitshäuser ihre Bedeutung als Aufbewahrungsort alter Menschen. Die Gemeinden sind verantwortlich für das Armenwesen (Unterstützungswohnsitz). Die Versorgung der mittellosen und nicht mehr durch die traditionellen Versorgungssysteme integrierten Alten begann verstärkt durch kommunale Institutionen zu erfolgen.

Nach 1800 werden zunehmend relativ weniger über fünfzigjährige eingeliefert als vor der Jahrhundertwende. Die absolute Anzahl der inhaftierten alten Menschen nimmt zwar nach 1800 noch zu, jedoch die relative Häufigkeit dieser Altersgruppe, gemessen an der Gesamtpopulation der Häftlinge, nimmt zunehmend ab. Das kann auch als ein Beleg vor allem für die Differenzierung und auch teilweise Verbesserung der Versorgungsleistungen für Randgruppen und Unterschichten gewertet werden. Die Entkriminalisierung der Arbeitslosen nach 1800 verringerte wesentlich den Anteil der Alten in den Leuchtenburger Strafanstalten.

Balkendiagramm, Altersstruktur nach 1800 in Prozent: 26–30 und 21–25 Jahre am häufigsten (je etwa 18 bis 19 %), 31–35 etwa 14 %, über 51 und 36–40 je etwa 12 %, 41–45 etwa 9 %, 16–20 und 46–50 je etwa 8 %, bis 15 Jahre unter 1 %.
Altersstruktur der Häftlinge nach 1800

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Bereits ab 1775 sind weniger Kinder (bis 15 Jahre) und Jugendliche (bis 20 Jahre) in der Strafanstalt inhaftiert, als eine Normalverteilung der Altersgruppen auf diese Jahre erwarten ließe14, im letzten Vierteljahrhundert vor 1871 wurde nur noch ein Kind eingeliefert. Kinder und Jugendliche wurden nach 1800 seltener in das Zucht- oder Arbeitshaus eingewiesen. Für Kinder und Jugendliche gab es in Altenburg eine spezielle Anstalt, die "Roten Spitzen". Differenzierung und Professionalisierung sind für die Zeit nach 1800 zu beobachtende gesellschaftliche Tendenzen, die auch für die Leuchtenburger Anstalten und deren Einweisungskriterien nachzuweisen sind.

Fußnoten

  1. vgl.: 8.3.1. Geschlecht, S. 111.

    ↩
  2. vgl.: "Aufgrund des geringen Anteils der Frauen an den Anstaltsinsassen (1863-1882: 103. das sind knapp 10%)" in: Stekl, Österreichs, S. 187.

    ↩
  3. vgl. Keith Owen, Crime and Punishment. Longman University of Wales Press 1991, S. 35; (Owen, Crime, S.).

    ↩
  4. vgl.: (standardisierte Residuen): 8.3.4. Alter - Geschlecht, S. 116. Die eingehendere Untersuchung der Häftlingsgruppe der Frauen verspricht tiefe Einsichten in deren geschlechtsspezifische Rollen in der Gesellschaft (vgl. 6. Weiterführende Fragestellungen: Vorschläge zur Nutzung des Quellenmaterials für eine detailliertere statistische Auswertung, S. 78).

    ↩
  5. vgl.: 8.3.13. Straftaten - Geschlecht - Alter - vor 1800, S. 145 sowie 8.3.14. Straftaten - Geschlecht - Alter - nach 1800, S. 147.

    ↩
  6. Christian Pfister, Bevölkerungsgeschichte und Historische Demographie 1500-1800 in: Lothar Gall (Hrsg.), Enzyklopädie Deutsche Geschichte, Bd. 28, München 1994, S. 67; (Pfister, Bevölkerungsgeschichte, S.).

    ↩
  7. Eine ganze Reihe von Delikten können nur bzw. vorwiegend Frauen begehen (Abtreibung, verheimlichte Schwangerschaft, Prostitution etc.).

    ↩
  8. Nipperdey, 1800-1866, S. 133.

    ↩
  9. vgl.: 8.3.2. Alter, S. 111.

    ↩
  10. vgl.: 8.3.2.1. Alter vor 1800, S. 112.

    ↩
  11. vgl. Sachße, Tennstedt, Armenfürsorge, S. 195ff.

    ↩
  12. vgl. Elberfelder System (ab 1853) in: Sachße, Tennstedt, Armenfürsorge, S. 214ff.

    ↩
  13. vgl.: 8.3.2.2. Alter nach 1800, S. 113.

    ↩
  14. vgl.: 8.3.3. Alter - Einweisungsjahre, S. 114, darin besonders Residuen.

    ↩